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Verlust
eines wichtigen Geschichtsdokuments
Interessengemeinschaft Bauernhaus e.V. informiert über
Ergebnisse der letzten Bauuntersuchungen am "Stracken
Hof" in Sundern-Endorf
"Es ist naheliegend, dass der Stracken Hof in Endorf
in seinem derzeitigen ruinösen Zustand keine Zierde
des Ortes ist und nur noch ein Abbruch möglich scheint.
Bei alledem sollte man sich allerdings bewusst sein, welches
Haus man eigentlich aufgeben will. Dazu wollen wir beitragen."
Mit diesen Worten leitete Dr. Dietrich Maschmeyer von
der Interessengemeinschaft Bauernhaus e.V. (IGB) die Vorstellung
der Forschungsergebnisse zur Architektur des wohl ältesten
Bauerhauses der Region ein. Die mitgliederstärkste
Denkmalschutzorganisation war auf den bevorstehenden Abbruch
des Gebäudes durch das Freilichtmuseum Detmold und
den lokalen Heimatverein aufmerksam geworden.
Das Haus selbst ist der Forschung nicht unbekannt. Schon
Prof. Josef Schepers, der Gründer des Freilichtmuseums
Detmold, kannte das Gebäude wohl aus seiner Zusammenarbeit
mit der aus Endorf stammenden Volkskundlerin Dr. Maria
Rörig. Er hat es in seinem Buch "Haus und Hof
Westfälischer Bauern" als ältestes bekanntes
Steinhaus des kurkölnischen Sauerlandes gewürdigt,
konnte es vor mehr als 60 Jahren aber nur unvollständig
untersuchen. 1999 und 2002 wurde das Haus dann vom Westfälischen
Amt für Denkmalpflege untersucht und sein Baujahr
durch Jahrringdatierung von Balken und Sparren auf 1634
bestimmt.
Sein Bau fällt demnach in die Zeit des dreissigjährigen
Krieges. "Allerdings", so der IGB-Vorsitzende,
"war damals für Westfalen die heisse Phase des
Krieges weitgehend vorbei und das Land von der kaiserlichen
Partie besetzt. Man konnte also durchaus mit dem Wiederaufbau
beginnen." Dennoch wurden die nächsten Steinhäuser
in Endorf erst lange nach dem Krieg errichtet, so z.B.
das Haus Ivens von 1671 und der besonders schöne
Hof Schlotmann von 1696, von dem leider nur noch der Speicher
steht, nachdem das Haus 1945 abgebrannt ist. Deutlichstes
Zeichen des höheren alters ist, dass die heute vermauerte
alte Toreinfahrt des Strackenhofes noch eine gotischen
Spitzbogen zeigt, alle anderen aber schon Rundbogen.
Ganz im alten Zustand ist das Haus nicht mehr erhalten.
Spätere Umbauten um 1780, 1854 und um 1910 lassen
sich aber noch gut nachvollziehen. Das ursprüngliche
Gebäude, so der Hausforscher aus Recklinghausen (Ruhrgebiet),
war ein niederdeutsches Hallenhaus, dessen mittlere Diele
vom Giebel her befahren werden konnte. Die linke Seite
dieser Diele ist fast vollständig erhalten; hier
standen die Kühe unter einem über 9 m langen,
sorgfältig verzierten Balken in knapper Kopfhöhe.
Weiter hinten war die sogenannte Lucht, die Sitzecke der
Bauern an der Aussenwand. Vor dem Rückgiebel wurde
die Diele und die dortige Feuerstelle von einer mächtigen
Rauchbühne (sauerländisch "Hiärwe"
oder "Asse") in etwa 2,4 m Höhe überspannt.
Der vordere, über 5 m langen Abschlussbalken ist
noch an anderer Stelle erhalten und trägt am Enden
und in der Mitte einige eingeschnitzte Symbole, deren
Sinn sich heute nicht mehr ganz erschliesst. Höchst
interessant ist aber der Befund, dass vorne rechts in
das Haus ein unterkellerter Raum mit einem Wandkamin eingebaut
war. Er hatte auch einen Schornstein, der freilich nicht
über das Dach reichte, sondern nach nur wenigen Metern
seinen Rauch durch ein Loch im Vordergiebel unterhalb
des Fachwerks entliess. "Solche Räume heissen
im mittelalterlichen Latein camera caminata - Zimmer mit
Kamin -, daraus hat sich das Wort Kemenate entwickelt"
erläutert der erfahrene Hausforscher. Bis in die
Barockzeit waren Kemenaten die typische Wohnräume
der Oberschicht wie Grossbürger, Pfarrer und Adelige.
"Bauern hatten solche Räume fast nie. Wenn wir
sie in einem Bauernhaus finden, stellen wir uns immer
automatisch die Frage, von welchen wahrscheinlich oberschichtlichen
Gästen sie bewohnt wurden." So auch hier. Eine
eindeutige Antwort gibt es aber noch nicht. "Immerhin,"
so Maschmeyer, "gibt es die Überlieferung, dass
der kurfürstliche Jäger ein Wohnrecht auf Stracken
Hof hatte. Das könnte ein Ansatzpunkt für eine
Erklärung sein." Gerade auch dieser Befund macht
seiner Meinung nach das Haus zu einem Unikat. "Für
den Fachmann", so der Experte, "ist natürlich
auch der sehr schöne Fachwerkgiebel etwas besonderes.
Seine Machart und die Stellung von Sparren und stehendem
Dachstuhl verraten deutlich, dass der Zimmermann bei seinem
Bau noch im Kopf hatte, dass man bis kurz vorher an solchen
Stellen nur Walmdächer errichtet hatte."
Die schon erwähnten Umbauten - die Verlängerung
des Hauses um ein sogenanntes Kellerfach um 1780 sowie
der Umbau der Stallungen mit Verlegung der Einfahrt an
die rechte Traufseite 1854 - haben einiges überlagert,
jedoch viele alten Strukturen bewahrt oder zumindest erkennbar
gelassen.
Dies Foto von Prof. Schepers von1937 zeigt den jüngeren
Wohngiebel (ca. 1780) mit weiteren jüngeren Veränderungen
im Untergeschoss
Angesichts dieser Befunde war es auch kein Wunder, dass
das Denkmalamt in Münster noch 2002 zu dem Schluss
kam, dass noch in solchem Umfange Substanz des Urbaus
die Umbauten von 1854 und nach 1949 überstanden hat,
dass eine Eintragung in die Denkmalliste der Stadt Sundern
nicht nur gerechtfertigt, sondern notwendig sei. Die Stadt
ist dieser Aufforderung jedoch nicht nachgekommen, hat
das Verfahren 2004 ohne Zustimmung der Denkmalpflege eingestellt
und das Gebäude weiter seinem Verfall preisgegeben.
"Um es mal klar zu sagen: Das Nordrhein-Westfälischen
Denkmalschutzgesetz schreibt hier eindeutig vor, was zu
tun gewesen wäre." so Dr. Maschmeyer, "Der
jetzige Zustand ist also nicht schicksalhaft eingetreten,
sondern ziemlich eindeutig auf unterlassene Anwendung
eines ungeliebten Gesetzes zurückzuführen."
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Dies
Foto von Prof. Schepers von1937 zeigt den jüngeren
Wohngiebel (ca. 1780) mit weiteren jüngeren Veränderungen
im Untergeschoss
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| Grundriss
des Hauses 1634 (oben) und nach 1854 (unten). Das Haus
wurde um 1780 um ein "Kellerfach" verlängert
(dort auch der Backofen), 1854 wurde die Querdiele geschaffen. |
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| Vordergiebel
Zustand 1634. Rechts unter dem Fachwerk das Rauchloch
des Kamins der Kemenate, zu der auch die Fenster rechts
vom Tor gehören. |
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| Querschnitt
vorn, Zustand 1634, links die beschriebene Kemenate mit
Wandkamin und dem Keller darunter |
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| Längsschnitt
Zustand 1634 links der Kuhstall, rechts die Lucht, davor
die Rauchbühne. Im o Dach unterstützt ein "stehender
Stuhl" die untere Kehlbalkenlage. |
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| Querschnitt
hinten, Zustand 1634. Blick auf den Wohnbereich mit "Üöwerdöre"
(Tür am "oberen" Ende des Hauses) und Rauchbühne
mit Feuerstelle. Die Stube rechts ist durch die Umbauten
nicht erhalten. |
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Wohngiebel
nach Anbau des Kellerfaches, Zustand um 1780
Dies ist eine
Pressemitteilung der Interessengemeinschaft Bauernhaus
e.V. vom 17.7.2007
Dr. Dietrich Maschmeyer, Wickingstrasse 5a, 45657 Recklinghausen
maschmever@igbauernhaus.de www.igbauernhaus.de
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