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Jan,
der kleine Trommler
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"Jan, Du musst Dich beeilen!" Erschrocken setzte
Jan sich auf. War es schon so spät? Er fühlte
sich als hätte er erst wenige Minuten geschlafen.
Durch den offenen Türspalt drang kein Licht, alles
war still.
"Jan, zieh Dich an", klang die Stimme erneut.
Im Zimmer war es nicht mehr so dunkel wie noch vor ein
paar Sekunden. Jans Blick fiel auf seinen
Stuhl, über den er des Abends seine Kleidung für
den nächsten Tag gehängt wurde. Was war das?
Diese Sachen kannte er noch nicht. Jan stand auf und nahm
Stück für Stück in die Hand. Das war eine
kleine Uniform aus früher Zeit. Ob sie ihm wohl passen
würde? Gespannt zog er sie an.
Zuerst das puffärmelne Hemd. Schneeweiß war
es. Über die Schulter fiel es weit hinunter um am
Ellenbogen dann dicht an seinem Arm anzuliegen. Sorgfältig
knöpfte er die goldenen, mit einem Adler verzierten
Knöpfe zu. Als nächstes lag dort eine dicke,
schwarze Strumpfhose, über die eine rote, mit
goldener Borde verzierte, kurze Hose gezogen wurde. Die
Hosenbeine sahen aus wie die Puffärmel des Hemdes.
Die Uniformjacke war wie die Hose rot mit Goldkordeln
besetzt. Dick und warm war sie. Wie für mich gemacht,
dachte Jan stolz. Nun nur noch die schwarzen Schuhe und
perfekt war der Ja was war er den nun eigentlich? Ein
Teil lag noch auf dem Stuhl, Jan hatte es vorher nicht
gesehen, es wurde durch die Hose verdeckt.
Eine Trommel lag dort, eine richtige Trommel. Rot, mit
goldenen Kordeln bespannt wie die Uniform.
Zuerst verspürte Jan den Wunsch, sie zum Fenster
hinaus zu werfen. In der Schule sollten sie das Lied der
kleine Trommler lernen. Aber Jan schaffte es einfach nicht.
Darum hatte er sich nicht nur mit der Lehrerin gestritten,
sondern auch noch mit seiner Mutter. "Blöde
viertel Pause!" dachte Jan. Nie wollte trommeln lernen,
das hatte er sich fest vorgenommen. Nur wegen diesem Lied.
Doch als er sie aufnahm, war er begeistert. So eine schöne
Trommel hatte er noch nie gesehen.
Vorsichtig schlug er sie mit den Fingerknöcheln an.
Kein schiefer, sondern ein klarer, reiner Ton klang durch
den Raum.
"Diese Trommel ist keine gewöhnliche Spielzeugtrommel
sondern eine echte!" erkannte Jan. Ja, so würde
es Spaß machen, so wollte er gern Trommler sein!
Jan suchte die Trommelstöcke. Sie lagen direkt neben
dem Stuhl.
"Beeile Dich, Jan," erklang nun wieder die Stimme,
"Du kommst zu spät!"
"Aber wo soll ich denn hin?" frage er leise.
"Geh einfach los, Dein Herz wird Dich führen,"
bekam er zur Antwort. Jan überlegte nicht weiter,
hängte sich die Trommel um und marschierte los. Er
ging die Straße hinunter ohne sich umzusehen.
Dabei versuchte er unablässig zu trommeln. Irgendeinen
Rhythmus, parampampampam, rampam
pampam, und immer kam der Rhythmus des Trommlerliedes
dabei heraus.
"Durch die stille Nacht, parampampampam,
da ging ein kleiner Junge, rampampampam."
Immer sicherer fühlte er sich und immer klarer erklang
sein Trommelschlag. Fest schlugen die Trommelstöcke
auf das Fell und Jans Schritte klangen wie die eines Soldaten
beim Marschieren. Bald tönten laut und deutlich die
schönsten Trommelsolos durch die nächtlichen
Straßen. Jan gelangte an den Stadtrand. Es störte
ihn nicht, dass nun keine Straßenbeleuchtung seinen
Weg erhellte.
Die Nacht war mondhell und die Sterne funkelten. Er blickte
zum Himmel empor.
"Sterne funkeln?"
Plötzlich wurde Jan bewusst, wohin sein Herz ihn
fuhren sollte.
Zum Stall Er sollte zur Krippe um das Jesuskind zu begrüßen.
Ja, er war sich nun ganz sicher. Wo sonst sollte er im
Dezember, mitten in sternklarer Nacht hingehen?! Sein
Herz begann erregt schneller zu schlagen. Ich werde das
Jesuskind sehen", freute er sich. Doch dann wurde
ihm bewusst, dass er nichts schenken hatte.
"Liebes Christuskind, dort wo Könige mit Gaben
stehen, da lässt man vielleicht mich gar nicht zu
Dir gehen," hieß es in dem Lied
Erschrocken blieb Jan stehen.
"Zuhause habe ich viele Dinge, die ich verschenken
könnte, dass ich daran nicht vorher gedacht habe!"
Schnell drehte er sich um. Doch er konnte die Straßen
seiner kleinen Stadt nicht mehr erkennen, so weit war
er schon über die Felder gelaufen.
"Trommeln kann ich vor so einem kleinen Kind auch
nicht, es erschrickt sich ja", war sein nächster
Gedanke. Jan setzte sich traurig auf einen dicken Stein,
der am Weg lag. Verzweifelt sah er noch einmal nach oben.
"Lieber Gott hilf mir!" betete er. Da -, Jan
rieb sich die Augen, - begann dort oben nicht ein Stern
besonders hell zu leuchten?
Nun vernahm er auch die Stimme wieder. Jan sah sich suchend
um. Weit hinter den Feldern entdeckte er eine Baumgruppe.
Ein helles Licht schien in ihr zu leuchten und ihm zuzuwinken.
"Komm Jan, komm!" Er stand auf, wenn auch ohne
große Freude. Dort sah er zwar einen Stern und ein
Licht, aber er hatte immer noch nichts für das Jesuskind.
"Wenn ich nun leise trommeln übe, ganz leise,
ganz zart, dann erschrickt es
nicht." Diese Idee war wie von selbst in Jans Kopf
geflogen und gleich begann er erneut zu üben. Diesmal
suchte er die leisen, sanften Töne.
Bis zur Baumgruppe übte und übte Jan. Als er
angekommen war, konnte er es. Sanft klang die Trommel
durch die Nacht, ganz leise und doch rhythmisch.
Er suchte das Licht, das er von weitem gesehen hatte.
Erstaunt erblickte er einen Engel im Baum. So hatte er
sich Engel nicht vorgestellt.
In Jans Augen waren es kleine, pausbäckige Kinder.
Doch dieser Engel sah aus wie ein erwachsener Mann im
langen Nachthemd mit großen, weißen Flügeln.
"Geh noch ein kleines Stück, ich werde Dich
begleiten."
"Wer bist Du?" wagte Jan zu fragen, "bist
Du Gabriel, der Erzengel?" Ein Lächeln erschien
auf dem Engelgesicht,
"Nein, zum Erzengel habe ich es nicht gebracht. Ich
bin Dein Schutzengel, und ich glaube, diese Aufgabe ist
genauso schön und wichtig." "Das heißt,
Du bist immer bei mir?" wollte Jan nun wissen.
"Ja, immer, nun frag aber nicht weiter", gab
der Engel ihm zur Antwort, "dort hinten warten sie
schon auf Dich." Der Engel wies auf den hellen Stern,
der Jan schon aufgefallen war. "Geh, beeile Dich!"
Jan blickte in
die angegebene Richtung, dann wieder auf den Engel, der
ihm aufmunternd zulächelte.
"Mit so einem starken Schutzengel kann mir sicher
nie etwas passieren", dachte er. Doch zum Engel gewandt
bemerkte er fragend;
"Ich habe nichts zu schenken!?"
"Du hast mehr zu schenken als alle Reichtümer
dieser Erde, glaube mir, und nun lauf zu. Es ist nicht
mehr weit, gleich da drüben!" versprach er ihm
und schwebte davon.
Tatsächlich.
Nach wenigen Schritten konnte Jan schon einen Stall erkennen.
Je näher er kam, desto deutlicher wurde alles.
Der Stall, Hirten, Schafe, alles wie in der Weihnachtsgeschichte
beschrieben. Selbst Ochs und Esel lagen neben der Krippe.
Mit ihren dampfenden Körpern wärmten sie den
kleinen Stall, so dass niemand frieren musste. Jans Beine
wollten nicht mehr laufen, weil seine Augen nicht glauben
konnten, was sie sahen. Einer der Hirten kam auf ihn zu.
"Hallo mein Junge," sprach er ihn an, "Traust
Du Dich nicht weiter?" "Doch schon", stotterte
Jan, "aber ich kann nicht glauben was ich sehe!"
"Was siehst Du?" fragte ihn der Hirte, anstatt
zu antworten.
"Die Weihnachtsgeschichte", begann Jan zu erzählen,
"Maria, Josef, die Krippe, und das mitten in Deutschland!
Das muss doch alles in Jerusalem geschehen. Und außerdem
ist es erst Anfang Dezember, Jesus wird doch erst am 24.
geboren!" "Mein Junge", begann der Hirte
zu erklären, "die Weihnachtsgeschichte spielt
sich jeden Tag in allen Teilen der Welt ab. Jeden Tag
werden Menschen verstoßen, nicht aufgenommen und
fortgejagt. Es ist ganz gleich ob Du in China, in der
USA oder in Russland suchst. Jeden Tag werden überall
Kinder geboren, die keinen Platz auf dieser Welt gefunden
haben. Und jedes dieser Kinder ist etwas besonderes!"
"Wie Jesus?" fragte Jan vorsichtig. "Nicht
ganz, denn Jesus war etwas GANZ BESONDERES! Aber er ist
für alle anderen Kinder geboren worden und für
alle Menschen gestorben und wiedererstanden. Jedes jetzt
geborene Kind aber soll uns die Möglichkeit geben,
an ihm zu handeln, wie wir es an Jesus getan hätten."
Während die beiden sprachen führte der Hirte
Jan zur Krippe. Dort lag das Jesuskind im Stroh, genau
wie in der Weihnachtsgeschichte, und auch Maria und Josef
sahen aus, als seinen sie seiner Bilderbuchbibel entsprungen.
Das Baby strampelte vergnügt mir Armen und Beinen.
Nie hätte Jan vermutet, dass Jesus so normal aussehen
würde. Maria und Josef lächelten ihm zu. "Was
möchtest Du, Junge?" richtete Josef das Wort
an ihn. Jan spürte einen leichten Schlag in die Rippen.
"Nun spiel schon," flüsterte der Hirte
ihm ungeduldig zu. So begann Jan leise mit einem Trommelsolo,
anstatt eine Antwort zu geben.
Parampampampam.... Zuerst herrsche eine atemlose Stille.
Alle schienen dieses Lied zu kennen. Nach und nach begannen
sie mitzuklatschen und eine helle Frauenstimme begann
zu singen.
"Durch die stille Nacht,"
"parampampampam" erklang die Trommel dazu.
"Da ging ein kleiner Junge"
"rampampampam".
Alle summten mit, einige Hirten spielten auf ihren Flöten
und sogar eine alte Balalaika erklang.
Wie wunderschön dieses Lied doch war. Gab es wirklich
einen Moment, wo er, Jan, es nicht gemocht hatte. Nie
sollte diese Melodie verklingen, nie dieser Augenblick
vergehen. Doch irgendwann verklang auch der letzte leise
Ton.
Die stille Nacht trug ihren Namen wieder zu Recht. Niemand
klatschte oder gab sonst einen laut von sich.
Alle waren vom Zauber des Moments angetan. Das Jesuskind
war eingeschlafen, lächelnd steckte es sich seinen
kleinen Daumen in den Mund und sah so zufrieden aus.
Langsam zog Morgennebel auf. Der Engel schwebte zu Jan
herab und nahm ihn auf den Arm.
"Es ist spät geworden, Du musst zurück!"
Jan wollte protestieren, doch ehe er sich versah, lag
er wieder in seinem Bett und schlief glücklich bis
zum nächsten Morgen. Auch heute erwachte er früher
als sonst. Sofort suchte er die Uniform und die Trommel.
Beides war nicht zu finden.
"Sollte ich denn nur geträumt haben?" fragte
er sich. Diese Erinnerungen an die Nacht waren so lebendig,
nein, es muss alles echt gewesen sein.
Eilig zog er sich an und flog fast in die Küche um
Mutter zu fragen, was sie davon hielt.
"Na, so eilig", begrüßte sie ihn.
"Du hast wohl doch daran gedacht, dass heute der
Nikolaus in der Nacht hier war!" Erstaunt blieb Jan
stehen.
"N-Nein, ei-eigentlich nicht!" konnte er nur
stotternd sagen.
"Dann sieh doch trotzdem nach, ob er Dir etwas gebracht
hat." Jan ging zögernd ins Wohnzimmer. Dort
auf dem Tisch stand ein großer Teller mit Süßigkeiten.
Ein Schokoladennikolaus thronte in der Mitte als
wenn er Äpfel, Nüsse, Schokolade und Marzipan
bewachen müsse. Aber Jans Blicke blieben nicht an
den Leckereien hängen.
Was stand denn dort!
Seine Trommel! Seine Trommel, mit der er das Christkind
in den Schlaf gewiegt hatte. Wie kam sie hierher? Jan
streichelte über die goldenen Kordeln und stieß
das Trommelfell sanft mit dem Finger an, genau wie in
der Nacht. Und genau wie in der Nacht erklang ein klarer,
reinen Ton.
"Ich kann sie spielen", flüsterte Jan,
"Mama, ich kann sie schon spielen." Mama lächelte
nachsichtig.
Aber Jan ließ sich nicht davon abbringen. Er hängte
seine Trommel um, nahm die Stöcke in die Hand und
begann mit dem ihm so bekannten Rhythmus. Dabei sang er
das ganze Trommlerjungenlied,
fehlerfrei, mit viertel Pause.
Nun war Mama an der Reihe zu staunen und Jan lächelte.
Als das Lied verklungen war, nahm Mutter Jan in den Arm.
"Ich hatte schon befürchtet, dass Du sie nicht
magst, nach dem gestrigen Tag." Jan sah seine Mutter
fragend an. Woher wusste sie schon wieder, dass er sich
vorgenommen hatte, nie zu trommeln?
"Aber kannst Du mir verraten, warum Du gestern so
getan hast, als könntest Du das Lied nicht?"
"Mama, ich habe nicht nur so getan", rief Jan
empört. "Ich habe es erst heute Nacht gelernt."
Jan erzählte Mutter die Trommler-Jungen-Geschichte.
"Heute ist Nikolaus. Da möchte ich nicht mit
Dir streiten", meinte Mutter zu Jans Entsetzen, als
er zu Ende erzählt hatte. "Bitte Jan, Du kannst
wunderschöne Geschichten erzählen. Aber erzähle
sie mir nie wieder, wenn ich eine ehrliche Erklärung
verlange." Damit stand Mutter auf und ging in die
Küche zurück. Dass Mutter auch nie glauben konnte,
wenn von seinen Erlebnissen berichtete, Jan schüttelte
den Kopf. Aber auch er war heute viel zu glücklich
um sich über Mutter zu ärgern. Er ging auf sein
Zimmer und übte Trommelsolos. Draußen hatte
es zu schneien begonnen. Dicke, leise tanzende Sterne
fielen vom Himmel. Morgen würde er Schlitten fahren
und bald war Weihnachten, warum also sollte er sich lange
über die ungerechten Vorwürfe ärgern.
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Beate
Feische
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