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Jan und das Glück

"Guten Morgen!"
rief jemand fröhlich, dass Licht ging an und Mama kam ins Zimmer.
"Jetzt kitzelt sie mich gleich und fragt, ob ich schon wach bin", dachte Jan zufrieden und kniff die Augen ganz fest zu. Schon schob sich Mamas Arm unter die Bettdecke.
"Guten Morgen Kuschelbär, bist du schon wach? - Oh, er schläft noch. Dann will ich doch einmal sehen" sprach sie wie zu sich selbst, "ob sein Bauch auch noch schläft." Tapsend krabbelten Mamas Finger über Jans Bauch. Er hielt es kaum aus, gluckste und kicherte und hielt die Augen doch fest geschlossen.
"Tatsächlich, Mund, Kinn, Augen, alles schläft. Doch sieh da, die Ohren, die sind wach." Jetzt lachte Jan laut. Mamas Finger zupften an seinem Ohr.
"Sieh an, der ganze Jan ist wach! Reicht es schon zum Aufstehen, oder möchtest du noch etwas kuscheln?" Jan schloss die Augen noch einmal
"Noch etwas kuscheln", murmelte er und wühlte sich tief in sein Bett.
"Schön, Du hast auch noch eine halbe Stunde Zeit, ich mache uns schon einmal das Frühstück." Mama ging hinunter in die Küche.
Der Tag heute muss herrlich werden, fühlte Jan und genoss die Wärme in seinem Bett. Er hatte das Gefühl auf Wolken zu schweben. Was wohl alles passieren würde?
"Jetzt ziehe ich mich erst einmal an", dachte Jan und erkannte im selben Moment, "Oh, Mama hat mir ja noch keine Sachen herausgelegt. Dann nehme ich sie mir halt selber."
Gedacht, getan. Unterhemd, Unterhose und Socken waren leicht zu erreichen, sie lagen in der Schublade. Aber der Kleiderschrank war mit einer Kindersicherung versehen.
Als Jan noch klein war, hatte er ein tolles Spiel erfunden. Er kroch in den Schrank und räumte alles aus. Mamas Geduld hatte jedoch eines Tages ein Ende. Es wurde ihr zu viel, täglich Jans Kleidung neu falten und einräumen zu müssen. Darum hatte sie einen kleinen Haken oben an der Tür befestigt. Der rastete nun immer in ein extra dafür vorgesehenes Loch ein. Nur ein Erwachsener konnte die Tür jetzt öffnen.
"Ich ziehe mir meinen Tisch ganz nahe an den Schrank, so bin ich fast so groß wie Mama. Den Haken herunter zu drücken ist dann nur noch ein Kinderspiel."
Der Tisch stand am Fenster. Plötzlich, Jan wollte ihn gerade greifen, klopfte es.
"Wo kommt den das her?" Er sah sich um. "Hier ist doch niemand."
Wieder klopfte es. Nun sah Jan aus dem Fenster und wollte seinen eigenen Augen nicht trauen. Da draußen flog etwas, das hatte er noch nicht gesehen. Es war kein Vogel und keine Fledermaus, kein Hund und keine Katze. Es war etwas, das es gar nicht gab. "Natürlich gibt es mich!" rief ihm das Wesen zu. "Würdest du mich sonst sehen?"
Anstatt den Tisch zum Schrank zu schieben setzte Jan sich darauf. Seine Augen waren weit offen und auch sein Mund sah aus, als wolle er nie wieder zugehen.
"Ich habe doch gar nicht gesagt, dass es dich nicht gibt", sagte Jan als sein Mund ihm wieder gehorchte.
"Aber gedacht hast du es! Willst Du mir nicht das Fenster öffnen? Es lässt sich gemütlicher reden wenn ich bei dir bin."
"Ich bin zwar schon fünf", antwortete Jan, "aber ich darf das Fenster noch nicht alleine öffnen."
Mit Schaudern dachte er an sein Erlebnis mit dem Fenster zurück. Es stand auf der Kippe, aber Jan wollte es ganz geöffnet haben. Aus einem für ihn nicht ersichtlichen Grund rastete die Kippvorrichtung nicht ein. Das Fenster hielt nur noch an einer Stelle unten im Rahmen fest. Ein kräftiger Windstoß half noch nach und ruck zuck drückte es Jan auf die Fensterbank. Er musste nach Mama schreien.
Doch Mama war im Keller und hörte sein verzweifeltes Rufen nicht. Lange, bange Minuten verbrachte Jan auf der Fensterbank. Endlich kam Mama. Sie befreite ihn aus seiner schlimmen Lage und Jan musste ihr versprechen, das Fenster nie wieder anzurühren.
"Wenn ich so etwas erlebt hätte, würde ich das auch lassen. Hoffentlich hast du nichts dagegen, wenn ich so herein komme", sagte das Wesen und schwebte schon neben Jan. Zum Angst haben hatte er keine Zeit. So schnell wie das alles passierte, konnte er ja gar nicht denken.
Jetzt sah er sich seinen Gast erst einmal richtig an.
So groß wie eine Katze war er und Fell hatte er auch. Aber was für eines! Es schimmerte wie Perlmutt und das Sonnenlicht brach sich in den unterschiedlichsten Farben in ihm. Der Kopf sah aus wie der des Kodiak Bären, den Jan schon einmal im Zoo gesehen hatte. Nur war der im Zoo natürlich viel größer und nur braun.
Flügel hatte sein Gast auch. Sie sahen aus wie die einer Fledermaus und sie schimmerten in den gleichen warmen Farben, die das Sonnenlicht auf dem Fell aufleuchten ließ.
Der Schwanz war der eines Bibers. Auf ihm waren drei sandfarbene Flecken zu sehen. Er schimmerte auch nicht so wie der übrige Körper. Es sah aus, als hätte jemand vergessen ihn zu polieren. Aber das Seltsamste an diesem Wesen war - es hatte weder Arme noch Beine. Zwischen ihm und dem Tisch waren trotzdem immer 10 cm Abstand. Es lag einfach so in der Luft, oder stand es? Jan konnte sich nicht entscheiden.
"Ja, ja, sieh mich ruhig an, wie gefalle ich dir?" fragte diese Kodiakbiberfledermaus nun.
"Toll, darf ich dich streicheln?" Jan war begeistert. Ein Tier mit dem man sich unterhalten konnte!
"Oh, ja, ich bitte darum!" bat sein Gast ihn nun. Die Stimme dieses Wesens war zart und rein. Sie klang so hell wie die kleinen Glasglöckchen von Mamas Windspiel. Die Worte des Wesens schienen immer erst ein wenig durch den Raum zu schwingen, bevor sie verklangen. Zögernd streckte Jan die Hand aus. Doch da ihm bisher nichts geschehen war, kam sein Mut schnell zurück. Sachte kraulte er das Wesen hinter dem Ohr.
"Du bist aber weich! Und sooo schön! Wer bist du?"
"Ich bin das Glück! Heute möchte ich dich glücklich machen! Ich hoffe du hast nichts dagegen?"
"Das habe ich ja noch nie gehört, dass das Glück so aussieht wie du!"
"Aber den Spruch: Das Glück kommt zum Fenster herein, den kennst du doch! Oder: Das Glück kommt wie angeflogen!" Fast schien das Glück ein wenig verzweifelt über Jans Bemerkung. Jan klopfte ihm wie einem Hund beruhigend den Rücken.
"Ja natürlich, ich habe mich doch nur gewundert", versuchte er zu beschwichtigen.
"Vorsicht, bitte sei vorsichtig mit mir! Wenn du mich besitzt, musst du acht geben, dass ich nicht zerbreche! du darfst nicht wild mit mir umgehen wie mit der Freude oder dich mit mir prügeln wie mit dem Streit. Glück ist anders!"
"Das verstehe ich nicht." Jans Hand zuckte blitzartig zurück, so sehr hatte er sich erschrocken.
"Glück muss man halten wie dünnes Glas. Nicht zu locker, damit es nicht fällt, nicht zu fest damit es nicht zerbricht."
"Oh", Jan wagte nun nicht mehr das Glück anzufassen. So viele Tassen hatte er schon zerbrochen. Jeden Tag ging etwas zu Bruch, verschüttete er Kakao oder ließ polternd volle Suppenlöffel auf den Boden fallen.

Ob Jan sein neues Glück zerbricht?  
 

"Oh", Jan wagte nun nicht mehr das Glück anzufassen. So viele Tassen hatte er schon zerbrochen. Jeden Tag ging etwas zu Bruch, verschüttete er Kakao oder ließ polternd volle Suppenlöffel auf den Boden fallen.
Nicht extra, nein, aber er konnte auch nichts dagegen tun. Mama sah ihn dann immer traurig an.
Manchmal, wenn sie schlechte Laune hatte, schimpfte sie auch. Dabei wollte Jan sie gar nicht ärgern.
Und nun saß - oder lag? Jan wusste es immer noch nicht - das Glück vor ihm und bat darum vorsichtig zu sein.
"Oh, ich glaube dann fasse ich dich besser nicht mehr an. Ich zerbreche so oft etwas!"
Das Glück sah Jan freundlich an.
Jetzt erst fielen ihm die Augen auf. Sie waren so blau wie der Himmel bei schönstem Sonnenschein und leuchteten wie Sterne. Wenn der Mund sich zu einem Lächeln verzog wie jetzt, sah es so aus, als ob tausend Glühwürmchen in ihnen tanzten.
"Jemand wie du kann mich halten," sagte es, "Tassen zerbrechen ist etwas anderes. Tassen hält man mit den Händen, das Glück mit dem Herzen! Sieh, ich brauche keine Arme und keine Beine, keine Pfoten und keine Klemmen und halte dich doch ganz fest. Wenn dein Herz mich nicht zerbrechen will, werden deine Hände es auch nicht schaffen. Komm halt mich fest, wir fliegen zusammen zum Glücklichsein."
"Ich kann doch nicht fliegen!" Jan wurde es mulmig bei dem Gedanken. Schon wenn er aus dem Fenster seines Zimmers sah, das im ersten Stock lag, kribbelte es in seinem Bauch.
Als er einmal bei Tante Julia aus dem Fenster im zwölften Stock gesehen hatte, war ihm so übel geworden, dass Mama ihn festhalten musste. Und nun sollte er fliegen. Frei in der Luft nur mit einem kleinen Wesen in den Händen, welches er vor ein paar Minuten noch nicht kannte.
Das Glück sah ihn aufmunternd an.
"Ich bin neben dir, du musst mich nur greifen!"
Da lächelte Jan zurück, gab sich einen Ruck und nahm das Glück in den Arm, ganz vorsichtig um es nicht zu zerbrechen und doch ganz fest.
Das Gefühl, welches ihn jetzt durchströmte war unbeschreiblich. Er wurde von einer Wärmewelle überflutet, die er nie zuvor gespürt hatte und gleichzeitig kribbelte es in seinem Körper von den Zehen bis in die Haarspitzen. Jan schloss die Augen um das Gefühl so richtig genießen zu können.
Sein Herz schien überzulaufen vor Glück. Seine Hände griffen in das weiche Fell und er wünschte sich, dieser Augenblick sollte ewig bleiben.
Als Jan die Augen wieder öffnete, flog das Glück mit ihm geradewegs zum geschlossenen Fenster hinaus, ohne es zu zerbrechen. Jan jubelte:
"Ich fliege! Ich fliege!"
Je mehr sich sein Herz öffnete, desto größer wurde das Glück. Nun konnte er schon auf ihm reiten. Das Glück flog mit Jan durch die Luft, ganz hoch hinaus. Er meinte schon die Sonne greifen zu können.

Von irgendwo her kamen zwei Schäfchenwolken. Das Glück tauchte in sie ein, kam auf der anderen Seite wieder heraus, schien sich auf ihnen auszuruhen um dann doch wieder in ihnen zu versinken. Als die zwei von ihrem Spiel genug hatten und auch die Wolken weiter wanderten, schwebte das Glück mit Jan zur Erde zurück.
Jan sah die Straßen seiner kleinen Stadt zum ersten Mal von oben. Alles war ihm so vertraut und doch ganz anders. Er versuchte sich erst einmal zurechtzufinden. Dort unten war die Fußgängerzone, der Stolz des Städtchens seit sie vor einigen Wochen eröffnet wurde. Ja, und die Siedlung in der er Zuhause war, sah er nun auch. Es war noch recht früh am Tag, die Bank öffnete gerade, aber der große Supermarkt hatte noch geschlossen. Darum waren wohl nur ein paar Schulkinder und wenige Erwachsene unterwegs.
"Dort unten geht Carina!" Jan zeigte auf ein Mädchen unten auf der Straße. Eigentlich konnte er sie nicht so gut leiden. Ihr Freund Christopher und sie fühlten sich gemeinsam immer so stark, dass sie alle anderen Kinder ärgern mussten. Aber heute lief sie allein und weinend in Richtung Kindergarten. Sie tat ihm leid. "Können wir sie nicht mitnehmen?" fragte er darum das Glück.
"Leider nein", antwortete es, "ich bin nur für dich zuständig."
"Dann werde ich im Kindergarten "Kleine Schnecke" mit ihr spielen. Das mag sie gern. Vielleicht lacht sie dann wieder." Jan fand schnell eine Lösung.
"Niemand soll heute traurig sein, wo ich doch so glücklich bin."
In diesem Moment war, ohne dass Jan es bemerkte, einer der sandfarbenen Flecken vom Schwanz des Glücks verschwunden.
"Was möchtest du jetzt am Liebsten tun?" fragte das Glück. "Was hast du dir schon immer gewünscht?"
"Ach, alles Sachen die ich erst machen kann wenn ich groß bin. Eine Feuerwehr fahren, Lastwagen fahren, mit Papa arbeiten gehen, das müsste alles schön sein."
Jans Blicke schweiften verträumt über die Stadt. Er sah ein Auto, ein rotes wie die Feuerwehr. Ihm fiel auf wie langsam es fuhr. Ein kleines Mädchen ging direkt neben dem Auto her. Jan sah genauer hin.
Auf dem Rücksitz des Autos lag ein toller, schwarzweißer Pandabär, nach dem gerade eine Männerhand griff. Jan durchfuhr ein eisiger Schreck. Was hatte Mama ihm immer gesagt:
"Und wenn sie dir noch so viele Süßigkeiten versprechen, oder dir den schönsten Panda der Welt schenken wollen, fahre nie mit. Lauf weg zum nächsten Haus." Dieses Mädchen aber lief nicht weg.
Seine Schritte wurden langsamer.
"Schnell!" rief Jan dem Glück zu, "nach unten zu dem Mädchen." Das Glück machte sogleich einen Schwenk und stürzte hinab, so dass es Jan etwas bange wurde. Unten angekommen sprang er sofort beherzt auf die Straße und rannte wie der Wind auf das Mädchen zu. Schon öffnete sich die Autotür.
"Lauf doch weg!" schrie Jan, der merkte, dass er das Mädchen nicht mehr rechtzeitig erreichen würde.
"So lauf doch endlich weg!"
Die Tür des Autos wurde eilig zugeschlagen und mit quietschenden Reifen fuhr es davon. Jan blieb mit klopfendem Herzen stehen.
"Warum hast du das Auto verjagt?" fragte ihn das Mädchen mit weinerlicher Stimme. "Der Mann war so nett und die Frau so schick, jetzt bekomme ich den Bären nie." Die Kleine fing bitterlich zu Weinen an. Eine Frau kam angelaufen,
direkt aus dem Haus gegenüber. Sie war durch Jans Schreien ans Fenster gelockt worden und dann sogleich nach draußen geeilt.
"Da hast du aber Glück gehabt, dass der Junge gerufen hat", sprach sie tadelnd auf das Mädchen ein. "Wie oft habe ich dir schon gesagt: Lass dich nicht ansprechen! Was bin ich froh das du noch hier bist!" Sie nahm das Mädchen auf den Arm und drehte sich nach Jan um.
Aber der war unbemerkt wieder auf das Glück gestiegen und davon geflogen, ganz schnell und ganz lautlos, denn es sollte niemand sehen.

 
 

Ob Jan noch mehr Abenteuer mit dem Glück erlebt?

Das erfahrt ihr in der nächsten Woche genau an dieser Stelle!

 
   
Aber der war unbemerkt wieder auf das Glück gestiegen und davon geflogen, ganz schnell und ganz lautlos, denn es sollte niemand sehen.
"Du hast dein Glück an andere weitergegeben", sagte das Glück zu ihm, "so hältst du mich immer fest!"
Und wieder war ein sandfarbener Fleck verschwunden.
"Jetzt weiß ich doch etwas, was ich mir wünschen kann", rief Jan gegen den Fahrtwind an. "Flieg doch einmal zum Kirchturm, ich möchte durch seine Ritzen auf die Glocken sehen." Das Glück brauste los. Damit Jan den Flug noch etwas genießen konnte, flog es einen Umweg über den See. Die Staumauer sah von hier oben so klein aus. Jan konnte nicht glauben das sie so viel Wasser
halten sollte. Viele Fische erblickte er. Auch das Glück und sich selbst, sie spiegelten sich im Wasser.

"Alle sollen uns sehen", dachte er stolz. "Mensch sieht das super aus, wie wir so dahin fliegen."
Ein paar Reiher hoben vom Ufer ab. Jan bemerkte sie sofort, sie flogen direkt auf ihn und das Glück zu. Er wagte kaum zu atmen. Diese großen Vögel hatte er schon oft gesehen. Aber immer nur aus dem Auto heraus. Mama beeilte sich sehr, sie ihm zu zeigen und rief:
"Sieh doch da, Reiher!"
Doch bis er sie entdeckte, war das Auto schon an der Wiese vorbei und er erhaschte nur einen kleinen Blick.
Jan war dann immer sehr traurig. Mama konnte das Auto im fließenden Verkehr ja nicht einfach stoppen. Zweimal waren sie schon zum See gegangen in der Hoffnung, dort Reiher zu sehen. Aber nie hatten sie Glück gehabt. Und nun, nun kamen sie direkt auf ihn zu. Er zählte:
"Eins, zwei, drei, vier, fünf Reiher!" Sein Herz überschlug sich fast vor Glück. Die großen Vögel gesellten sich zu ihnen. Vor dem Glück hatten sie keine Angst, das war für Jan keine Frage, aber warum flogen sie vor ihm nicht davon?
Eine Träne löste sich aus Jans Augen. Sein Herz sprudelte über vor Glück und das Gefühl suchte sich einen Weg nach draußen.
Der Kopf des Glücks war nun so groß wie der des Kodiakbären. Das Reiten auf dem so breit gewordenen Rücken, fiel Jan bald schon schwer, aber der Anblick der Reiher ließ ihn die Welt vergessen. Als sie über den See hinweg geflogen waren und dem Wald zusteuerten, ließen sich die Reiher zurückfallen, drehten ab und flogen zum See nach Hause.
Am Waldrand sah Jan ein Reh. Doch bevor er das Glück darauf aufmerksam machen konnte, schreckte es auf und verschwand im Dickicht. Jan sah sich suchend um. Warum war das Reh geflohen?
Aha, eine alte Frau lief dort unten durch den Wald.
"Es sieht so aus als sucht sie etwas", dachte Jan und laut sagte er: "Ob wir ihr helfen können?"
"Sicher, vier Augen sehen mehr als zwei, du wirst Recht haben wenn du meinst, dass sie etwas sucht." Jan hatte sich schon zu Beginn ihrer Bekanntschaft gewundert, woher das Glück so oft wusste was er dachte.
"Kannst du Gedanken lesen?" fragte er darum jetzt.
"Deine? Aber sicher doch! Hast du es noch nicht bemerkt?"
"Manchmal schon, aber manchmal liest Du sie auch nicht."
"Tja, das ist nun etwas kompliziert zu erklären", antwortete ihm das Glück. "Ich bin nur da, weil du da bist und du kannst nur auf mir reiten, weil ich in dir bin und dort wachse. Und wenn ich in dir bin, kann ich ja auch deine Gedanken lesen. Nur wenn du so übersprudelst, dass du das Gefühl hast, dein Herz läuft über, oder es sogar nach draußen kommt, so wie vorhin, kann ich nicht mehr alles erkennen." Puh, das war wirklich kompliziert, aber Jan konnte nicht mehr nachfragen. Das Glück setzte zur Landung an, extra hinter dem Dickicht, damit die Frau es nicht sah.
Als Jan von seinem Rücken sprang, lag direkt vor seinen Füßen eine Handtasche. Jan hob sie auf und ging auf die Frau zu.
"Guten Tag", sagte er höflich und hielt die Tasche vor, "suchen Sie Ihre Handtasche?"
"Ja", kam die verzweifelt klingende Antwort, "meine ganze Rente ist darin."
Die Frau sah auf.
"Du hast sie ja gefunden!" Freudig kam sie auf Jan zugelaufen. "Weißt du, ich komme gerade von der Sparkasse. Bei diesem schönen Wetter wollte ich hier im Wald ein wenig spazieren gehen", meinte sie erklären zu müssen. "Da sah ich einen Fuchs der einen ganz kleinen Hasen verfolgte. Dem armen Wesen musste doch geholfen werden. In meinem Eifer den Fuchs zu verjagen, habe ich nicht bemerkt, dass mir die Tasche vom Arm gerutscht ist. Ohne sie hätte ich einen armseligen Monat verbringen müssen. Welch ein Glück, dass du sie gefunden hast. Komm wir gehen ein Stück zusammen. Was machst du eigentlich hier im Wald?" Endlich stoppte der Redestrom der alten Dame einmal.
"Ach, ich spiele nur ein wenig. Nun muss ich aber wieder weg, sonst werde ich noch vermisst", antwortete Jan ihr schnell, drehte sich um und lief Richtung Dickicht.
"Na denn Tschüs! Dankeschön noch einmal und verlauf dich nicht!" Jan winkte ihr zum Abschied zu und suchte das Glück im Dickicht. Es schwebte immer noch an derselben Stelle. Fröhlich setzte er sich auf den Rücken und weiter ging der Flug. Nun mussten sie nur noch über die Bergkuppe um die Kirche zu sehen, das wusste Jan. Dass aber auch der letzte Fleck vom Schwanz des Glücks verschwunden war, das wusste er nicht.
 
In der nächsten Woche kommt der letzte Teil der Geschichte - wie sie wohl ausgeht?  

 

Dass aber auch der letzte Fleck vom Schwanz des Glücks verschwunden war, das wusste er nicht.

Sie flogen auf den Kirchturm zu, ohne jeden Kratzer durchdrang das Glück die Ritzen des Turmes und hielt direkt bei den Glocken an. Jan stieg ab. Vorsichtig ging er über die schmalen Stege. Er konnte weit nach unten schauen und seine Angst vor der Höhe kam wieder auf. Unsicher sah er zum Glück hinüber. Als er aber das freundliche Lächeln in dem warmen


Gesicht sah und die vielen tanzenden Glühwürmchen in den Augen wieder aufleuchteten, da wusste er: Mir passiert nichts.
Langsam ließ er seine Hände über die größte Glocke gleiten. Sie war kühl und glatt. Leicht, fast so als könne sie wie das Glück zerbrechen, schlug er sie mit den Fingerknöcheln an. Ein leiser Ton, der kaum zu hören war, schwang durch den Turm. Ganz andächtig stand Jan vor den riesigen Glocken. Langsam zog eine Gänsehaut über seinen Körper. Ein ganz stilles Glück überkam ihn und er wollte sich nie mehr von diesem Augenblick trennen. Doch das Glück mahnte zum Aufbruch.
"Gleich fangen die Glocken an zu läuten. Hier oben ist es dann schrecklich laut. Deine Ohren können Schaden nehmen." Ohne den Blick von den Glocken zu lösen ging Jan zum Glück und stieg auf. Es flog mit ihm nun geradewegs nach Hause. Ehe er sich versah, saß er wieder auf dem Tisch im Kinderzimmer. Das Glück war wieder so groß wie eine Katze und schwebte neben ihm.
"Husch, husch, ins Bett", sagte es, "deine Mutter wird gleich kommen."
"Aber warum den ins Bett?" Jan konnte nicht glauben, dass das Glück ihn schlafen schicken wollte.
"Ich möchte jetzt mit dir in die Küche gehen und dich meiner Mama vorstellen. Sie ist lieb, du brauchst keine Angst vor ihr zu haben."
"Aber für deine Mutter bin ich nicht da", antwortete das Glück.
"Warum denn nicht?" Jan begann das Glück zärtlich zu kraulen, als ob er es überreden wollte. Dabei fiel sein Blick auf den Schwanz der nun genauso glänzte wie das übrige Glück. Ohne eine Antwort abzuwarten stellte er gleich die nächste Frage.
"Was ist denn mit deinem Schwanz geschehen?" Das Glück begann zu erklären.
"Immer wenn du dein Glück mit anderen teilst, ihnen hilfst, sie tröstest, werde ich etwas blanker. Bevor ich zu dir kam wohnte ich im Herzen eines Mannes, der unbedingt reich werden wollte. Ich kleines Glück konnte bei ihm nicht wachsen weil er andere Menschen ausgenutzt und betrogen hat. Irgendwann war es so schlimm, dass ich ganz und gar fleckig war. Da bin ich geflohen und habe dich gefunden."
"Was ist denn heute mit dem Mann?"
"Er ist heute sehr reich, aber nicht glücklich. Wer schon das kleine Glück nicht halten kann, wird das große niemals finden! Seit ich nun bei dir wohne, geht es mir gut. Heute sind auch die letzten Flecken verschwunden."
Während das Glück Jan diese Geschichte erzählte, hatte es ihn langsam zum Bett geführt, hinein gelegt und zugedeckt. Nun klangen die Schritte der Mutter auf der Treppe.
"Bis bald", flüsterte das Glück und war verschwunden.
"Warte doch, verlass mich nicht!" rief Jan.
"Ich verlasse dich doch nicht", hörte Jan die Stimme des Glücks flüstern. "Auch wenn du mich nicht siehst, ich bin doch in deinem Herzen!" Das glockenhelle Lachen war das Letzte was Jan von seinem Glück hörte und er war sich ganz sicher, er hörte es aus sich heraus. Da berührte ihn auch schon die Hand der Mutter.
"Jan aufwachen, es ist spät geworden! Komm, ich helfe dir beim Anziehen."
"Mama, ich habe das Glück gesehen! Es ist erst klein, dann groß, ganz weich und es glänzt wenn man glücklich ist!"
"Was hast du schön geträumt, aber nun musst du wach werden, sonst kommst du noch zu spät." Jan war wie vor den Kopf gestoßen. Geträumt hatte Mama gesagt. Hatte er wirklich alles nur geträumt?
Mama nahm ihn wie ein Baby auf den Arm und trug ihn zum Tisch. Dort stellte sie ihn hin.
"Was ist, schaffst du es heute nicht, wach zu werden?" fragte sie und zog ihm den Schlafanzug aus.
"War ich denn im Schlafanzug im Wald?" fragte Jan sich, "und bei dem Mädchen auf der Straße?"
Tante Julia hatte seinen Schlafanzug auch schon mit einer Radlerhose und einem T-Shirt verwechselt.
"Vielleicht bin ich ja darum nicht aufgefallen", überlegte er.
Nach dem Frühstück marschierte Jan zum Kindergarten. Sonst war er immer sehr stolz, dass er schon allein gehen durfte. Aber heute hätte er viel lieber jemanden bei sich gehabt, dem er von seinem Glückerzählen konnte.
"Geträumt, habe ich wirklich nur geträumt?" fragte er sich immer und immer wieder. "Dieses Gefühl im Herzen, konnte das von einem Traum kommen? Fliegen kann ein Mensch ja gar nicht und erst recht nicht durch geschlossene Fenster!"
Jan war bei der Kirche angekommen. Gerade in diesem Moment begannen die Glocken zu läuten, als wollten sie ihn begrüßen.

"Habe ich wirklich da oben gestanden? Gleich werde ich Frau Müller fragen ob Glocken glatt oder rau sind", nahm Jan sich vor. Die letzten Meter bis zum Kindergarten musste er rennen, denn beim Ende des Glockengeläutes wurde die Eingangstür abgeschlossen. Kinder die später kamen, mussten dann schellen und wurden von den anderen ausgelacht.
"Ich nicht", dachte Jan sich und lief so schnell er konnte. Frau Ebermeier, die Kindergartenleiterin, kam gerade mit dem Schlüssel.
"Da hast du aber Glück gehabt. Ein paar Minuten später wäre die Tür zu gewesen."
"Ich weiß, ich hab heut viel Glück", antwortete Jan ihr, obwohl er ja doch daran zweifelte. Er hängte die Jacke an seinen Kleiderhaken und ging in den Gruppenraum. Eigentlich hätte Jan nun erst Frau Müller begrüßen und seine Brottasche aufhängen müssen, das war im Kindergarten so Brauch. Aber was er sah, ließ ihn gar nicht erst an den üblichen Tagesablauf denken. Hinten in der Ecke saß Carina und weinte. Jan stürmte direkt zu ihr, so dass sich Frau Müller erstaunt umsah.
"Wollen wir Kleine Schnecke spielen?" fragte er sie sofort. Carina blickte ihn ebenso erstaunt an wie Frau Müller zuvor, "Du willst wirklich mit mir spielen?"
"Vielleicht vertragen wir uns dann besser", fiel Jan als einzige Antwort ein.
Carina sprang erfreut auf und flitzte zum Spieleschrank. Ihr Kummer schien vergessen. Den ganzen Morgen spielten die zwei zusammen, und bemerkten kaum wie die Zeit verging. Fröhlich lief Jan mittags nach Hause, es gab sein Glück, er musste nur warten, dann kam es bestimmt wieder.
"Mein Glück hat nun einen glänzenden Schwanz Mama und ich muss aufpassen, dass er nicht wieder schmutzig wird", erzählte Jan am Mittagstisch seiner Mutter.
"So, auf was musst du denn achten?" fragte Mutter interessiert nach.
"Einfach auf andere, und darauf das sie glücklich sind", gab Jan seiner Mutter zur Antwort, die ihn überrascht ansah. "Darf ich jetzt spielen gehen? Ich habe alles aufgegessen!"
"Ja sicher", erlaubte sie ihm und schüttelte leicht den Kopf. Auf was für Ideen ihr Jan kam, ständig wartete er mit neuen Märchen auf, an die er fest zu glauben schien. Dieses Glück hielt ihn nun sicher eine ganze Zeit in seinem Bann. Und Mutter sollte Recht behalten.

von Beate Feische