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Eine
Geschichte für alle, die das Rauchen aufgeben möchten
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Kyrill
seines Lebens
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von
Beate Feische
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Frierend stand Arved auf der Treppe und war doch nicht
in der Lage, den offenen Mantel zu schließen. Eiskalt
blies ihm der Sturm ins Gesicht, drückte ihn gegen
die Tür, die gerade hinter ihm ins Schloss gefallen
war. "So muss man sich fühlen, wenn rundum kein
Land zu sehen ist, nur tosendes Meer", schoss es
ihm, den leidenschaftlichen Segler, durch den Kopf. Sein
Blick fiel über die Straße in den Park beobachtete
den Todestanz der von den Bäumen gerissenen, vom
Sturm gepeitschten Blätter. Laut krachend brach ein
armdicker Ast aus einem Baum und fiel nur wenige Meter
von ihm entfernt zu Boden. "Da hätte ich jetzt
stehen müssen, dann wär´s schneller vorbei."
Seine Gedanken flogen wie die Blätter im tosenden
Wind, mal hier hin, mal dort hin. Er war doch erst fünfzig,
warum musste es gerade ihm passieren. Warum war Kyrill
mit seiner ganzen Stärke wieder gekommen, wenn auch
nur für ihn? Kyrill, der Sturm, der unzählige
Bäume gnadenlos fällte, der ganze Wälder,
viele Existenzen vernichtete. Damals, ach, es war ja gar
nicht damals, es war ja gerade einmal 6 Wochen her und
doch eine Ewigkeit, da stand er vor den wie Mikadostäbchen
übereinander geworfenem Bäumen, vor dem was
einmal "sein" Wald gewesen war, in dem er täglich
mit seinem Hund spazieren ging. Was für eine Gewalt,
wie unwiederbringlich, hatte er gedacht. Tränen stiegen
ihm in die Augen und wie immer wenn er sich beruhigen
wollte, zündete er sich eine Zigarette an. Das tat
gut, er atmete wie befreit tief ein und stieß den
Rauch in die Luft. Er stieg auf, schien mit den Blättern
der gefällten Riesen im Wind zu spielen. Diese kleinen
Wölkchen, wenn er gerade Lust hatte den Rauch mit
rundem Mund zu formen, auch dünne Kringel, wabberten
früher zu den höchsten Baumwipfeln empor, ehe
sie verschwanden. Heute schwebten sie weit über ihnen,
denn die Wipfel ragten nicht mehr in den Himmel, sonder
berührten den braunen Acker des leergefegten Feldes.
Wie die Bäume den Wind, so hatte er seine Zigarette
gebraucht. So beruhigend wie sie war, so sehr weckte sie
auch das Leben in ihm. So wie die Bäume den Wind
brauchten, um sich sanft zu wiegen, so sehr benötigte
er seine Zigarette. Am 18. Januar hatte der Wind sich
in einen unerbittlichen Sturm verwandelt, der die Bäume,
die er sonst sanft streichelte, erbarmungslos fällte.
Der Rauch, dieser wohltuende, würzige Muntermacher,
würde nun ihn fällen. Gefährlich, natürlich
wusste er, das Rauchen gefährlich war. Aber ob ich
mit 80 oder 81 sterbe, hatte er sich immer gedacht ich
wüsst ja eh nicht, wann die richtige Zeit da ist.
Doch jetzt, er war erst 50! Gefährlich, dann darf
man nicht mehr auf die Straße gehen, Autos können
auch tödlich sein. Doch mit 50 hatte man noch die
Reaktionsfähigkeit, ihnen auszuweichen. Seinem inneren,
qualmenden Leichenwagen konnte er nicht mehr ausweichen,
er hatte nicht einmal bemerkt, wie er angebraust kam.
Und doch hatte er seine Lunge schon lange aufgewühlt.
Nun sah sie aus wie der von Treckerreifen zerfurchte Acker
mit dicken, braunen Schollen neben den Furchen. Krebs,
diese Diagnose hatte ihn völlig überraschend
getroffen, gerade, vor wenigen Minuten, Lungenkrebs. Das
passiert immer nur den anderen, ich passe schon auf, so
viel rauche ich ja nicht. Jetzt wusste er, wie dumm er
gewesen war. Nur weil er sich nicht selber aufraffen wollte,
etwas gegen die Sucht zu tun, hatte er mit einem Sturm
im Wasserglas gerechnet, der jetzt für ihn zum ganz
eigenen Orkan geworden war. Der Sturm zerrte an seinen
Haaren, drückte ihn immer fester gegen die verschlossene
Tür. Sie sah aus wie aus Holz und doch war sie nur
aus Kunststoff. So künstlich wie seine innere Ruhe
beim Rauchen und doch ein Bollwerk das nicht mehr nachgab
wie seine Geschwüre, die ihm den Atem nahmen. Die
Kälte wurde schlimmer, er hustete, fand nicht die
Kraft, gegen den Sturm anzugehen. Er stand, leer, ausgepumpt,
einfach da. Ich BIN ERST 50! Ich will nicht sterben! Schoss
es ihm immer und immer wieder durch den Kopf. Ein Blatt
peitschte ihm ins Gesicht und blieb auf der Stirn kleben.
Langsam nahm er es ab, hielt es in den Händen. Es
war noch grün, doch zum Sterben verurteilt, unwiderruflich
zum Sterben verurteil. Aber ich lebe noch! Immer noch,
bin noch nicht abgerissen, mit mir wird er nicht so umgehen,
mein Kyrill, mit mir nicht! Er ließ das Blatt los,
ballte die Faust, blickte ihm drohend nach, so lange,
bis es hin und her gerissen vom Wind hinter der Hausecke
verschwand. Dann fasste er die Revers seines Mantels,
zog sie eng um sich, als wolle er sich selber umarmen
und trat in den Sturm hinaus. Er kämpfte gegen ihn
an, seine Gestalt ein wenig schräg nach vorn gebeugt
um Widerstand zu leisten. Er kämpfte, er würde
immer kämpfen, bis zum letzten Blatt, bis die Wurzeln
nach oben ragen, bis zum Ende von Kyrill.
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